Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Gattung

Eine Gattung ist eine Klasse in der gleichartige faktische Einheiten erfasst werden.

So werden etwa die unterschiedlichen Tiere und Pflanzen, wie sie in der Natur vorkommen, nach verschiedenen Gattungen gegliedert, klassifiziert und diagnostiziert (vgl. mit Carl von Linné Zitat).

In einer Gattung werden also Natureinheiten erfasst deren Zugehörigkeit zu dieser Klasse durch die Kriterien der Kategorie objektiv gültig festgestellt werden kann, ausgenommen es handelt sich um einen diagnostischen Grenzfall.

Man kann auch sagen:

Eine Gattung ist eine Klasse durch die gleichartige Erkenntnisobjekte auf der Ebene der Objekte bzw. auf der Ebene der Fakten in der Natur erkannt und bestimmt werden.

Daher kann man in der Praxis und in der Wissenschaft in einem konkreten Fall durch die Objektivierung prüfen, ob ein konkreter Fall einer Gattung zuzuordnen ist, oder ob dies nicht möglich ist und diese diagnostische Einheit einem Typus zuzuordnen ist.

Den Begriff der Gattung kann man auch so definieren, wie er im Duden beschrieben worden ist, nämlich als Gesamtheit von [Arten von] Dingen, Einzelwesen, Formen, die in wesentlichen Eigenschaften übereinstimmen. (vgl. mit der Definition im Duden).

Im Gegensatz dazu ist ein Typus eine Einheit, die nur auf der Ebene der Ideen durch den Begriff der Idee erfasst werden kann, und es ist eine solche Einheit daher eine systematische Einheit bzw. die Einheit einer Idee (vgl. mit Kant Zitat 7).

Das bedeutet, dass die Einheit einer Gattung mit objektiver Evidenz erkannt und allgemein gültig bestimmt werden kann, weil die spezifischen Merkmale auf der Ebene der Objekte als objektive Befunde erfasst werden können.

Im Gegensatz dazu kann ein Typus bzw. ein Typ nicht auf der Ebene der Objekte, sondern nur auf der Ebene der Ideen, also nur auf der Ebene der Vorstellungen erkannt und diagnostisch bestimmt werden, und es kann daher eine solche Einheit nur subjektiv evident bzw. nur einleuchtend evident – oder man kann auch sagen : nur scheinbar evident – erkannt werden. Man kann also sagen: dass ein Typus nur auf der Grundlage von subjektiver Evidenz erkannt werden kann.

Man findet, dass die Erkenntnisobjekte entweder einer Gattung oder einem Typus bzw. einem Typ zugeordnet werden können (vgl. mit Kant Zitat 7).

Weil es sich bei den Merkmalen einer Gattung um körperliche bzw. physische Merkmale handelt, kann man in der Regel auf der Grundlage dieser Merkmale allgemein gültig,  und damit objektiv gültig feststellen, ob das Erkenntnisobjekt zu einer Gattung zugehörig ist.

Gattung ist also der Oberbegriff für gleichartige körperliche Dinge (Einheiten, Entitäten).

Der Begriff Gattung wird z.B. in der Klassifikation in der Zoologie, in der Botanik, in der Heilkunde und damit in der Human Medizin und in Veterinärmedizin und auch in anderen Bereichen verwendet.

Es werden also gemäß den verschiedenen Gattungen die verschiedenen Lebewesen (Tiere, Pflanzen usf.) und in der Heilkunde die unterschiedlichen objektiv bestimmbaren körperlichen Krankheiten (gesundheitlichen Störungen) erfasst.

Man meint in der Zoologie zum Beispiel alle Paarhufer, alle Hunde, alle Katzen … alle Liliengewächse, alle Nadelbäume usf.

In der Medizin im Sinne der universitären Medizin bzw. der Schulmedizin versteht man unter einer Entität und damit unter einer Gattung zum Beispiel die unterschiedlichen Tumore wie sie in der Pathologie und hier insbesondere in der Histopathologie der verschiedenen Gewebe etwa in die Adenome, Karzinome etc. gegliedert werden. Oder man spricht hier von den benignen oder den malignen Tumoren.

Es ist also mit dem Begriff Gattung etwas gemeint was objektiv gültig, das heißt allgemein gültig, auf der Grundlage von gewissen körperlichen Merkmalen (Zeichen) allgemein gültig unterschieden und allgemein gültig bestimmt werden kann.

Man kann die Zugehörigkeit zu einer Gattung also auf der Grundlage von objektiver Evidenz erkennen und bestimmen.

In diesem Sinne versteht auch Karl Jaspers den Begriff Gattung, wenn er sagt, dass gewisse Krankheiten (gesundheitliche Störungen) einer Gattung zuordenbar sind bzw. gemäß einer Gattung diagnostisch erfasst werden können und andere nur nach einem Typus bestimmbar sind (vgl. mit Jasperes Zitat).

Eine Gattung kann auf der Ebene der Objekte erkannt werden. Im Gegensatz dazu ein Typus nur auf der Ebene der Ideen.

Die körperlichen Krankheiten, die wir auf der Grundlage von körperlichen Zeichen (Merkmalen) eindeutig diagnostisch bestimmen können, sind einer Gattung zuordenbar (z.B. die verschiedenen Blutkrankheiten, die Anämien, die Leuämien, die verschiedenen Gerinnungsstörungen usf.). Hingegen können Krankheiten (gesundheitlichen Störungen), die nur auf der Grundlage von Symptomen und nicht objektivierbaren Phänomenen – also z.B. auf der  Grundlage von Schmerzen, Schwäche, Müdigkeit usf. diagnostiziert werden nicht allgemein gültig diagnostisch erfasst werden, da diese gesundheitlichen Störungen nur auf der Grundlage von mentalen Objekten diagnostisch erfasst werden. Solche gesundheitliche Störungen können nur nach einem Typus unterschieden werden.

In einem solchen Fall findet die diagnostische Unterscheidung und Entscheidung auf der Ebene der Ideen statt, ohne, dass man die gewonnene Idee physisch überprüfen kann. Daher spricht Immanuel Kant bei einer solchen Idee von einer bloßen Idee. Bloße Ideen kann man nämlich nicht physisch überprüfen. Hingegen kann man eine Idee, die sich direkt auf physische Objekte gründet physisch überprüfen bzw. auf der Grundlage der Erkenntnisobjekte die uns als Gegenstände schlechthin gegeben sind validieren. In diesem Sinn kann z.B. die Verdachtsdiagnose „Herzinfarkt“ physisch überprüft bzw. objektiviert werden. Im Gegensatz dazu kann bei einem untypischen Kopfschmerz nicht objektiv entschieden werden, ob z.B. eine Migräne vorliegt oder ein Spannungskopfschmerz. In gleicher Weise kann auch in der Psychiatrie im Zweifelsfall nicht objektiv entschieden werden, ob etwa bei einem Patienten eine Schizophrenie besteht oder eine andere psychische Störung.

Dies macht den großen Unterschied zwischen objektivierbaren medizinischen Diagnosen und den psychiatrischen Diagnosen aus. In der Medizin gibt es viele Diagnosen bzw. Krankheiten (gesundheitliche Störungen), die physisch objektiv gültig überprüft und damit allgemein gültig bestimmt werden können. In der Psychiatrie kann im Zweifelsfall keine einzige psychiatrische Diagnose physisch überprüft und allgemein gültig bestimmt werden. Lediglich kann manch eine psychiatrische Diagnose, wenn man sie bereits zuvor auf der Grundlage der Psychopathologie der psychischen Störung festgestellt hat physisch erklären, aber objektiv bestimmen kann man sie im Zweifelsfall nicht. Die Bestimmung einer psychiatrischen Diagnose erfolgt nämlich immer auf der Grundlage von psychischen Auffälligkeiten bzw. auf der Grundlage von psychischen Phänomenen – also auf der Grundlage von mentalen Objekten. Es ist also so, dass auch die psychiatrischen Diagnosen, die der ersten Schicht der Schichtenregel von Karl Jaspers zuzuordnen sind, primär auf der Grundlage von psychologischen bzw. psychopathologischen Kriterien festgestellt werden, und erst sekundär festgestellt wird, ob die psychische Störung organisch bedingt ist. Das heißt in diesem Fall kann man diese psychische Störungen als organisch bzw. körperlich bedingte psychische Störung  erklären.

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(letzte Änderung 29.06.2018, abgelegt unter: philosophischer Begriff, Definition, Diagnostik)

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