Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Sichtweise

Die Sichtweise ist die Art und Weise wie der Sachverhalt von einer Person betrachtet, (geistig) gesehen und daher aufgefasst wird.

Durch die Sichtweise kann die Person den Sachverhalt als Subjekt verstehen und erklären.

Man kann auch sagen: die Sichtweise beruht auf der Sicht der Person, die den Zusammenhang in diesem Sinn versteht.

Die Sichtweise beruht also auf dem Verstand bzw. auf dem Verständnis das die erkennende Person auf den Sachverhalt anwendet.

Eine Sichtweise ist also eine spezielle Sicht. Eine Sichtweise hängt von gewissen Vorstellungen ab, die man bereits zuvor im Sinn eines Vorwissens bzw. im Sinn eines Vorurteils gebildet hat bzw. die man bereits zuvor als Idee gehabt hat.

Durch eine Sichtweise erkennt man den Zusammenhang der Dinge und der Erscheinungen bei einem gewissen Sachverhalt, etwa auf der Grundlage einer Theorie.

Eine Sichtweise ist also eine Vorstellung durch die man einen Zusammenhang erkennt. Damit kann man diesen Zusammenhang verstehen und man kann damit den Sachverhalt jedenfalls aus individueller Sicht erklären, ob es sich dabei auch um eine allgemein gültige Erklärung handelt kann man vorerst nicht wissen, sondern dies weiß man erst wenn der Sachverhalt auf der Ebene der Objekte durch einen allgemein gültigen Beweis überprüft werden kann. Durch eine Sichtweise erkennt man also unter Umständen den Zusammenhang der Dinge – unter Umständen im allgemein gültigen und damit im objektiv gültigen Sinn oder sonst jedenfalls im subjektiv gültigen Sinn. Demgemäß ist eine Sichtweise entweder augenscheinlich evident zutreffend (z.B. eine objektivierbare medizinische Diagnose bzw. eine objektivierbare medizinische Verdachtsdiagnose) oder sie ist jedenfalls mehr oder weniger einleuchtend evident zutreffend (wie z.B. eine psychiatrische Diagnose oder eine nicht-objektivierbare medizinische Diagnose)

Durch eine Sichtweise erkennt man also einen Zusammenhang von einem Gesichtspunkt aus.

Man kann auch sagen:

Eine Sichtweise ermöglicht das Verstehen eines Zusammenhangs von einem gewissen Gesichtspunkt aus.

Daher kann man auch sagen: eine Sichtweise ist ein Aspekt bzw. ein Gesichtspunkt durch den man einen Zusammenhang versteht bzw. erklärt.

Und man kann schließlich auch sagen: eine Theorie ist eine Sichtweise (Verstehensweise), die einen Zusammenhang auf eine gewisse Art und Weise erklärt.

Die Sichtweise bestimmt also die Art und Weise der geistigen Auffassung und im Weiteren das Denken der Person.

Erkenntnistheoretisch bzw. philosophisch betrachtet handelt es sich bei einer Sichtweise um eine Idee, durch die die Sache bzw. der Sachverhalt geistig betrachtet bzw. geistig aufgefasst und damit verstanden, erklärt und beurteilt werden kann. Man kann also auf der Grundlage des Verstandes durch diese Idee, die Sache bzw. den Sachverhalt auf diese gewisse Art und Weise erklärt geistig auffassen, verstehen und in weiterer Folge im Einzelnen erklären und beurteilen. Da man Sachen und Sachverhalte unter Umständen unter verschiedenen Aspekten bzw. unter verschiedenen Sichtweisen betrachten kann, gelangen nicht unbedingt alle Personen zur selben Sichtweise. Dies ist insbesondere dann der Fall wenn man den Sachverhalt nicht auf der Ebene der Objekte überprüfen kann. Die Vernunft erkennt in einem solchen Fall unter den möglichen Sichtweisen, die im gegebenen Fall beste Sichtweise. Hingegen erkennt der Verstand unter einem Gesichtspunkt im Moment der Betrachtung nur eine Sichtweise.

Der gute alte Hausverstand der die verschiedenen Sichtweisen bzw. der die verschiedenen Standpunkte prüft und gegeneinander bewertet leistet somit dasselbe wie die Vernunft.

Es ist also eine Sache bzw. ein Sachverhalt nicht unbedingt für jede Person gleich evident bzw. gelangt nicht unbedingt jede Person zur selben Evidenz wenn man den Sachverhalt nicht auf der Ebene der Objekte überprüfen kann. Daher gelangen z.B. verschiedene Richter bei gewissen Sachverhalten nicht zu ein und demselben Urteil, weil hier auch subjektive Faktoren in das Urteil mit einfließen. Daher wird berechtigt verlangt dass ein Richter, so wie ein gerichtlich bestellter Sachverständiger, der ein gerichtliches Gutachten erstattet unbefangen sein soll.

In der Medizin kann man Sachverhalte oftmals verschieden geistig sehen. Dies ist der Fall wenn die Sichtweise nicht auf der Ebene der Körpers auf der Grundlage von Fakten überprüft werden kann.

In der Psychiatrie (Psychologie und Psychotherapie) kann man eine Sichtweise grundsätzlich nicht auf der Ebene der Fakten überprüfen – jedenfalls ist dies bei einer psychiatrischen Diagnose grundsätzlich nicht möglich.

Daher kann man in der Psychiatrie und Psychologie Sachverhalte unter den verschiedensten Sichtweisen bzw. Aspekten betrachten und geistig auffassen. Man kann verschiedene Gesichtspunkte anwenden und damit ein und denselben Sachverhalt unter den verschiedensten Sichtweisen betrachten, auffassen, studieren, analysieren usf. Dies hat der Psychiater und Philosoph Karl Jaspers erkannt. (vgl. mit Jaspers Zitat 11)

Im Gegensatz zur Psychiatrie kann man in der Medizin nicht alle Sachverhalte unter verschiedenen Gesichtspunkten auffassen, wenn sich diese auf Fakten gründen und daher die Sichtweise bzw. die Auffassungsweise durch ein Objekt bestimmt ist. (vgl. mit Kant Zitat 7)

Hingegen kann man in der Psychiatrie (Psychologie und Psychotherapie) Sachverhalte unter den verschiedensten Sichtweisen betrachten und auffassen, weil sich diese Erkenntnisse auf Ideen gründen (vgl. mit Kant Zitat 7), die bloße Ideen im Sinn von Immanuel Kant sind.

Man kann z.B. in der Psychiatrie krankheitswertige psychische Erscheinungen unter der Sichtweise diagnostisch auffassen wie sie z.B. Philipp Pinel aufgefasst hat, oder unter der Sichtweise wie sie Wilhelm Griesinger in seiner psychiatrischen Klassifikation aufgefasst hat, oder wie sie Emil Kraepelin aufgefasst hat, oder wie sie derzeit in den Kategorien der psychiatrischen ICD-10 Klassifikation erfasst werden, oder wie sie derzeit unter den psychiatrischen Kategorien der DSM-IV Klassifikation erfasst werden. Man erkennt damit, dass man in der Psychiatrie die psychischen Erscheinungen, also die psychischen Phänomene unter den verschiedensten Gesichtspunkten betrachten und in den verschiedenen psychiatrischen Klassifikation unter den jeweils unterschiedlich definierten psychiatrischen Kategorien geistig auffassen und sodann systematisch studieren kann, wie dies im Prinzip bereits Karl Jaspers erkannt hat. (vgl. mit Jaspers Zitat 11)

Krankheitswertige Störung der Sichtweise – Störung in der Realitätswahrnehmung

Man kann wie dies soeben ausgeführt worden ist unter Umständen ein und denselben Sachverhalt unter verschiedenen Gesichtspunkten verschieden geistig auffassen. Dabei macht man in der Psychiatrie die Erfahrung, dass gewisse Personen krankheitsbedingt dazu nicht fähig sind. Diese Personen können also nicht flexibel ihre Sichtweise ändern und etwa den Sachverhalt unter einem anderen Gesichtspunkt betrachten. Das heißt sie sind in ihrer Sichtweise fixiert. Es kann dann also eine solche Person nicht, so wie man dies von einer geistesgesunden Person erwarten kann flexibel ihre Sichtweise überprüfen, ob etwa die Sichtweise der Realität entspricht. Wenn eine derartige psychische Störung, was bei einem Wahn oder bei sonst einer Psychose der Fall ist, dann handelt es sich um eine krankheitswertige Störung in der Realitätswahrnehmung.

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(letztes Änderung 15.05.2017, abgelegt unter: Begriff, denken, Erkennen, Erkenntnis, Erklären, Gutachten, Konzept, philosophische Begriffe, Psyche, Sicht, Verstehen, Zusammenhang)

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