Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Die psychiatrische Systematik von Emil Kraepelin

Emil Kraepelin (1856 – 1926) hat in seinem Lehrbuch für Studierende und Aerzte (6. Aufl. 1899) die psychischen Störungen (Krankheiten) in nachfolgende Kategorien eingeteilt.

I. Das infektiöse Irresein

II. Das Erschöpfungsirresein

III. Die Vergiftungen

IV. Das  thyreogene Irresein

V. Die Dementia praecox

VI. Die Dementia paralytica

VII. Das Irresein bei Hirnerkrankungen

VIII. Das Irresein des Rückbildungsalters

IX. Das manisch-depressive Irresein

X. Die Verrückheit (Paranoia)

XI. Die allgemeinen Neurosen

XII. Die psychopathischen Zustände (Entartungsirresein)

XIII. Die psychischen Entwicklungshemmungen (Imbecilität, Idiotie)

(Anmerkung: Diese Kategorien hat Kraepelin in weitere Unterkategorien gegliedert. Diese Unterkategorien werden hier nicht aufgeführt)

Emil Kraeplin war bemüht die klinischen Erscheinungsbilder möglichst genau zu beschreiben (vgl. mit Kraepelin Zitat 6) um auf dieser Grundlage „das Gesammtbild eines Krankheitsfalles in seiner Entwicklung vom Anfang bis zum Ende“ zu erfassen (vgl. mit Kraepelin Zitat 7). Kraepelin hoffte damit die Voraussetzungen zu schaffen, dass damit die psychischen Störungen, insbesondere die Psychosen allgemein gültig erfasst werden können, wie dies bei vielen körperlichen Krankheiten schon in seiner Zeit möglich geworden war (vgl. mit Kraepelin Zitat 1 und Kraepelin Zitat 2).

Diese Sichtweise und Hoffnung, dass gewisse psychische Störungen, und damit gewisse psychiatrische Diagnosen, insbesondere die Psychosen auf der Grundlage von körperlichen bzw. physischen Befunden letztlich objektiv gültig bestimmt werden können fand in der Systematik von Emil Kraepelin weltweite Verbreitung. Man hoffte damit also in der Psychiatrie, so wie in der körperlichen Medizin, wichtige Einheiten – (diagnostische Einheiten im Sinne von natürlichen Krankheitseinheiten) allgemein gültig diagnostisch bestimmen zu können. (vgl. mit Kraepelin Zitat 2)

Dies führte unter anderem dazu, dass in der Genetik seit langem nach genetischen Merkmalen wissenschaftlich geforscht wird, um auf der Grundlage dieser Merkmale zu beweisen, ob etwa eine psychische Störung vom Typ einer Schizophrenie vorliegt. In gleicher Weise forscht man seit geraumer Zeit mit Methoden der funktionellen Bildgebung, insbesondere der Methode der Funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) nach physischen Parametern in der Hoffnung auf dieser Grundlage objektiv gültig „messen“ zu können, ob eine bestimmte psychische Störung z.B. vom Typ einer Schizophrenie, oder ein ADHS, oder eine Demenz, oder sonst eine psychische Störung, oder ein einzelnes psychisches Phänomen oder psychopathologisches Phänomen vorhanden ist.

Bisher konnten allerdings auf diesen Wegen keine biologischen Marker/ biologischen Befunde respektive „physische“ Kriterien gefunden werden , um ein einzelnes psychisches Phänomen, oder eine ganze psychische Störung und somit die entsprechende psychiatrische Diagnose dadurch allgemein gültig zu bestimmen.

Wenn man der Sache an der Erkenntisbasis, also eine Ebene tiefer auf den Grund geht, dann findet man die Ursache warum man bisher keine solchen Merkmale bzw. keine solchen „physischen“ Kriterien hat finden können – und vorhersehbar auf empirischer Grundlage auch zukünftig keine solchen Merkmale wird finden können.

An der Erkenntnisbasis zeigt sich nämlich, dass ein psychisches Phänomen durch den Bezug auf eine Idee bzw. mit der Hilfe des Schemas dieser Idee erkannt wird (vgl. mit Kant Zitat 7) – wie dies der Psychiater und Philosoph Karl Jaspers auf Grundlage der Philosophie von Immanuel Kant realisiert und in seinem Buch „Allgemeine Psychopathologie“ (ab der 4. Auflage) aufgezeigt hat (vgl. mit Jaspers Zitat).

Ein solches Erkenntnisobjekt kann also  nicht auf der Grundlage der Körperlichkeit bzw. nicht auf „physischer“ Grundlage diagnostisch bestimmt werden, sondern man kann ein solches Erkenntnisobjekt nur auf der Ebene der Vorstellungen, sprich nur auf der Ebene der Ideen erkennen. (vgl. mit Kant Zitat 7)

Tatsächlich ist dies seit dem Beginn der Psychiatrie als Wissenschaft der Fall. Schon Philippe Pinel hat die psychischen Störungen (Krankheiten) auf der Grundlage der psychischen Auffälligkeiten diagnostiziert (vgl. mit Pinel Zitat 2) und es hat Wilhelm Griesinger explizit erkannt, dass die psychischen Störungen dzt. nur auf der Grundlage der psychischen Anomalie erkannt werden können (vgl. mit Griesinger Zitat). Allerdings hatte auch Wilhelm Griesinger noch die Hoffnung, dass man in Zukunft gewisse psychische Störungen (Krankheiten) auf der Grundlage von körperlichen Befunden wird allgemein gültig bestimmen können (vgl. mit Griesinger Zitat).

An und für sich ist es nahe liegend, dass Nervenärzte und Psychiater seit jeher nach körperlichen Ursachen bei gewissen psychischen Störungen gesucht haben, insbesondere bei den Psychosen deren Erscheinungsform man auf der Grundlage des normalen Erlebens nicht verstehen konnte. Es hatte also auch Wilhelm Griesinger – so wie Emil Kraepelin – die Hoffnung und nach diesen noch viele andere Psychiater – bis in die Gegenwart – dass man eines Tages gewisse psychische Störungen auf der Grundlage von körperlichen Befunden wird allgemein gültig bestimmen können.

In der Tat ist dies ist aber grundsätzlich nicht möglich. Dies ist deswegen grundsätzlich nicht möglich, weil ein psychisches Phänomen ein ganz anderes Erkenntnisobjekt ist als ein körperliches Objekt. (vgl. mit Kant Zitat 7)

Diesen Sachverhalt hat Karl Jaspers erkannt wenn er auf den Unterschied zwischen einem Typus und einer Gattung hinweist (vgl. mit Jaspers Zitat)

Tatsächlich kann man die psychischen Störungen nur auf der Ebene der Ideen in Bezug auf (definierte) Typen diagnostisch erfassen (vgl. mit Jaspers Zitat). Man kann zwar einen Teil der psychischen Phänomene und damit auch einen Teil der psychiatrischen Diagnosen „physisch“ begründet erklären. Man kann das Auftreten von gewissen psychischen Störungen als Folge von biologischen Störungen bzw. als Folge von biologischen Ursachen auf der Ebene der Rezeptoren, oder auf der Ebene der Synapsen, oder sonst wie biologisch erklären. Aber auf dieser Grundlage kann man kein einziges psychisches Phänomen und auch keine einzige psychische Störung objektiv gültig in der Diagnostik bestimmen. Es gibt also bis heute keine Methode mit deren Hilfe man eine psychische Störung „physisch“ begründet bestimmen kann.

Wenn man die Erkenntnisbasis näher betrachtet (vgl. mit Kant Zitat 7), dann wird man sich dessen bewusst wie ein psychisches Phänomen – und damit auch ein psychisches Symptom – im Bewusstsein einer Person insbesondere im Bewusstsein eines Psychiaters als Fachperson entsteht, dann wird einem klar warum man ein psychisches Phänomen (griechisch: phenomenon – das was erscheint, das Erscheinende) nicht allgemein gültig bestimmen kann. (vgl. mit Kant Zitat 7)

Es gibt nämlich einen großen Unterschied zwischen den Erkenntnisobjekten, wie dies Immanuel Kant herausgefunden und in der Kritik der reinen Vernunft beschrieben hat. (vgl. mit Kant Zitat 7)

Es gibt einerseits Erkenntnisobjekte, die man auf der Ebene der „physischen“ Objekte allgemein gültig bestimmen kann (vgl. mit Kant Zitat 7 und mit Kant Zitat 9), und andererseits Erkenntnisobjekte, die man nicht auf „physische“ Befunde und damit nicht auf Objekte/Fakten zurückführen und auf dieser Grundlage allgemein gültig bestimmen kann.

Dies haben im Prinzip schon John Locke und David Hume erkannt.

Es gibt Erkenntnisobjekte bzw. ein Wissen das aus der Erfahrung abgeleitet worden ist. Es gibt Dinge, die wir einerseits zwar auf der Grundlage von sinnlichen Wahrnehmungen, andererseits aber auf der Grundlage der „internen Operationen unseres Geistes“ (internal operations of our minds) erkennen (vgl. mit John Locke Zitat) bzw. die wir auf der Grundlage von „komplexen Ideen“ (complex ideas) erkennen (vgl. mit David Hume Zitat), die in unserem Bewusstsein als Folge der Denk-Prozesse entstehen/erscheinen. Es handelt sich dabei also um Ideen, die nicht unmittelbar auf der Grundlage von Sinneswahrnehmungen als „einfache Ideen“ (simple ideas) (vgl. mit David Hume Zitat) entstehen sondern eben um komplexe Ideen. Daher können wir solche „komplexen Ideen“ auch nicht unmittelbar an der Erfahrung prüfen. Es gibt also Ideen, die man zwar auf der Grundlage der Empirie – somit empirisch – erlangt hat, und die sich hinreichend bewährt haben, die man aber nicht am Probierstein der Erfahrung prüfen kann (vgl. mit Kant Zitat 10) – weil es sich dabei um bloße Ideen handelt – wie dies Immanuel Kant herausgefunden hat. Und gerade mit solchen, aus der Erfahrung abgeleiteten Ideen ist man in der Psychiatrie (Psychologie und Psychotherapie) befasst. Eine psychologische Idee und auch eine psychiatrische Idee kann man daher nicht „physisch“ überprüfen. Man kann daher ein psychisches Phänomen, und auch einen psychischen Prozess bzw. ein psychisches Phänomen, das infolge der neuronalen Funktion entsteht nicht „physisch“ bestimmen. Es gibt nämlich den individuellen mentalen Prozess – den man nicht kennt – und diesen individuellen mentalen Prozess kann man nicht allgemein gültig bestimmen. Daher kann man die Subjektivität in der Psychiatrie nicht überwinden.

Das bedeutet man kann ein psychisches Phänomen nicht objektivieren.

Mit dieser Tatsache wird sich die psychiatrische Forschung und psychiatrische Wissenschaft früher oder später abfinden müssen. Mit anderen Worten: die psychiatrische Wissenschaft kann die Subjektivität in der Psychiatrie nicht überwinden. In dieser Hinsicht hat Emil Kraepelin sich getäuscht, wenngleich er sonst wertvolle Erkenntnisse erlangt und dieses Wissen in die Psychiatrie eingeführt hat. (vgl. mit Kraepelin Zitat 1 und Kraepelin Zitat 2).

In dieser Hinsicht wird sich erweisen, dass man in der Psychiatrie auf der Grundlage der statistischen Studien und somit auch durch Metaanalysen kein reliables und valides Wissen erlangen kann.

Es wird sich erweisen, dass Karl Jaspers recht behalten wird, wenn er gesagt hat, dass man in der Psychiatrie sich dem Ganzen als Idee durch das Schema der Idee nur nähern kann. (vgl. mit Jaspers Zitat)

Anders formuliert kann man sagen: die Psychiatrie wird sich früher oder später eingestehen müssen, dass sie ihr Wissen auf der Grundlage von Ideen erlangt und nicht auf der Grundlage von körperlichen Fakten. In dieser Hinsicht unterscheidet sich die Systematik der Psychiatrie grundlegend von der Systematik in der körperlichen Medizin, womit die objektivierbaren Erkenntnisse in der Medizin gemeint sind. Die objektivierbaren Erkenntnisse in der Medizin werden auf der Grundlage von „Gegenständen schlechthin“ bzw. auf der Grundlage der Zeichen von solchen Gegenständen erlangt, hingegen die (nur subjektiv gültigen) Erkenntnisse in der Psychiatrie (Psychologie, Psychotherapie und eines Teilbereichs der Medizin) auf der Grundlage von Ideen, die im Bewusstsein der erkennenden Person in Form der Begriffe der Ideen erscheinen. (vgl. mit Kant Zitat 7). An dieser Tatsache hat sich seit urdenklichen Zeiten – und auch seit Philippe Pinel, Wilhem Griesinger und Emil Kraepelin nichts geändert – und es wird sich vorhersehbar und damit in Zukunft nichts ändern. Es gilt auch hier was bereits Karl Jaspers gesagt hat: „Die Idee der Krankheitseinheit ist keine erreichbare Aufgabe, aber der fruchtbarste Orientierungspunkt.” (vgl. mit Jaspers Zitat 6)

Aber eben, weil  man in der Psychiatrie die Erkenntnisse auf der Grundlage von Ideen erkennt – sollte man diese Ideen auch richtig verwenden und sie nicht ansehen wie körperliche Fakten, die uns als fixe Tatsachen gegeben sind, wenn sie einmal auf der Ebene der Vorstellungen (subjektiv gültig) erkannt worden sind.

Man sollte sich also in der Psychiatrie (Psychologie und Psychotherapie) ständig der Grundlage des Wissens bewusst sein. (vgl. mit Kant Zitat 7)

Man sollte sich dessen bewusst sein, dass eine psychiatrische Erkenntnis auf der Grundlage einer nicht überprüfbaren Idee entsteht und daher solches Wissen nur relativ gültiges Wissen ist. (vgl. mit Kant Zitat 3a)

Man sollte sich dessen bewusst sein, dass psychiatrisches Wissen durch den Bezug auf eine Idee, die eine Referenzidee ist, erlangt wird. (vgl. mit Kant Zitat 7)

Man sollte sich dessen bewusst sein, dass solches Wissen nur in Bezug auf einen Typus erlangt wird, und nicht auf der Grundlage der Zugehörigkeit zu einer Gattung, die allgemein gültig bestimmbar ist. (vgl. mit Jaspers Zitat)

Es gilt also was Immanuel Kant gesagt  hat: dass eine solche Idee (nur) von Vorteil ist, wenn man sie relativistisch verwendet (vgl. mit Kant Zitat 4). Wenn man sie irrtümlich als absolut gültige Erkenntnis – als fixe Erkenntnis – ansieht, dann hat man sich getäuscht, dann hat man die Idee falsch verstanden und falsch verwendet, dann hat man die Idee konstitutiv gebraucht, dann gerät man – wie Karl Jaspers sagt –  in Antinomien (Widersprüche). (vgl. mit Jaspers Zitat)

Gerade das ist in der psychiatrischen Praxis und in der psychiatrischen Wissenschaft heutzutage an vielen Orten zu bemerken. Die biologische Sichtweise, wie sie durch die biologische Psychiatrie eingeführt worden ist hat vermehrt dazu geführt, dass die psychiatrischen Ideen missverstanden – und daher falsch verwendet werden. Die psychiatrischen Erkenntnisse werden irrtümlich vielfach wie faktisches Wissen angesehen – was  tatsächlich falsch ist. (vgl. mit Kant Zitat 3a).

Mit anderen Worten: psychiatrisches Wissen gründet sich auf Ideen und damit auf systematische Einheiten (vgl. mit Kant Zitat 7) und nicht auf faktische Einheiten.

Ungeachtet dessen kann man jedoch sagen, dass die phänomenologisch gegliederte Systematik von Emil Kraepelin sich in seiner Grundform, wie sie als Fortentwicklung der phänomenologischen Systematik von Wilhelm Griesinger auf der Grundlage der psychischen Anomalie entstanden ist (vgl. mit diesem Beitrag) weiter bewährt, und es ist bekanntlich zuerst die DSM- Klassifikation und später auch die psychiatrische ICD-Klassifikation der psychischen Störungen aus dieser phänomenologisch begründeten Systematik mit den 3 wesentlichen Gruppen: den Schizophrenien (als Nachfolgeeinheit der Dementia praecox), den Manisch-Depressiven Erkrankungen und den verschiedenen Persönlichkeitsstörungen (im weitesten Sinne) und weitere Gruppen hervorgegangen.

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Hinweis:

Weiteres zur Sichtweise von Emil Kraepelin und zur Systematik in der Psychiatrie in meinem Buch:

Diagnostik, Klassifikation und Systematik in Psychiatrie und Medizin

erschienen im Verlag tredition, April 2019.

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(letzte Änderung 27.09.2019, abgelegt unter Diagnostik, Psychiatrie, Wissenschaft, Klassifikation und weiteren Kategorien)

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