Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Realitätsbezug

Der Realitätsbezug ist der Bezug zur Wirklichkeit.

Mit dem Begriff Realitätsbezug bezeichnet man in der Psychologie und in der  Psychiatrie die Art und Weise wie die Person die Realität wahrnimmt.

Es geht also um die Frage, wie die Person die Realität durch ihre Kognition bzw. durch ihre Wahrnehmung auffasst.

Es geht um die Frage wie die Person auf der Grundlage ihrer Sinneswahrnehmungen und auf der Grundlage ihres Denkens die Realität wahrnimmt.

Es kommt nämlich bei gewissen psychischen Störungen dazu, dass auf der Grundlage von gestörtem Denken – man spricht von Denkstörungen bzw. von kognitiven Störungen – die Auffassung der Realität gestört ist. Auf diese Art und Weise kann es zu Verkennungen der Realität kommen, also zur falschen Wahrnehmung und zur falschen Interpretation der Realität. Wenn eine solche psychische Störung auftritt, dann spricht man von einer Störung im Realitätsbezug. Wenn diese Störung sehr ausgeprägt ist und von einem bestimmten Inhalt dominiert wird, dann spricht man von einer wahnhaften Störung bzw. von einem Wahn oder von einer Paranoia. Ein Wahn oder eine Paranoia ist also eine ausgeprägte und besondere Form einer psychischen Störung, bei der die Kognition auf eine besondere Art und Weise gestört ist.

Es kann allerdings auch auf der Grundlage einer ausgeprägten Gemütsstörung, somit auf der Grundlage einer ausgeprägten affektiven Störung zu einer Störung im Realitätsbezug kommen. Durch die Störung des Gemüts wird nämlich auch das Denken bzw. die Auffassungsweise beeinflusst. Man kennt dieses Phänomen auch im Rahmen der Normalpsychologie, dass durch ausgeprägte Affekte – etwa durch die Verliebtheit – die Realität verzerrt wahrgenommen wird („rosa-rote Brille“). Man kennt also auch im Rahmen der Normalpsychologie die Beeinflussung der Realitätswahrnehmung durch die Emotionen und durch die Affekte. Auch durch andere Ursachen kann der Realitätsbezug gestört sein, etwa durch Toxine oder Drogen.

Schließlich können Störungen im Realitätsbezug auch in Folge einer intellektuellen Störung, also in Folge einer Störung der Intelligenz auftreten, wie sie durch eine eingeschränkte Kritikfähigkeit bei einer geistigen Behinderung gegeben ist auftreten.

Störungen in der Realitätswahrnehmung können also in Folge von Störungen auf der Ebene des Denkens und Fühlens auftreten und schließlich können Störungen im Realitätsbezug auch in Folge von isolierten Störungen der Sinneswahrnehmung auftreten. In diesem Fall spricht man allerdings nicht von einer psychischen Störung, sondern von einer Störung der Sinneswahrnehmung (vgl. mit dem WikiBeitrag optische Täuschung)

Wenn die Störung im Realitätsbezug ein erhebliches Ausmaß erlangt hat und somit eine schwere psychische Störung vorliegt, dann spricht man von einer Psychose. Bekannt ist, dass es bei der psychischen Störung vom Typ der Schizophrenie nicht selten auf der Grundlage von Halluzinationen und auch auf der Grundlage von anderen psychopathologischen Phänomenen zu schweren Störungen im Realitätsbezug kommen kann. So kommt es etwa bei einer Demenz auf der Grundlage von Gedächtnisstörungen zu Orientierungsstörungen und zu Kritikstörungen und auf dieser Grundlage zu Störungen im Realitätsbezug. Oder es kommt bei schweren affektiven Störungen, bei der Manie, bei einer schizo-affektiven Störung, oder bei einer schweren Depression mit psychotischen Symptomen zu einer Störung in der Realitätswahrnehmung und damit zu einer Störung im Realitätsbezug. Oder es kommt bei organisch begründeten Psychosen (Fieberdelir, Intoxikationen, Rauschzuständen, generell beim Organischen Psychosyndrom (OPS) ) zu Störungen im Realitätsbezug.

Wie gesagt treten Störungen im Realitätsbezug auch in Folge von isolierten Störungen der Sinneswahrnehmungen auf – in diesem Fall kann die betroffene Person jedoch die Störung ihrer Wahrnehmung in der Regel erkennen, weil ihre psychischen Funktionen intakt sind.  Es kommt daher in einem solchen Fall zur Korrektur an der Realität, was bei einer Störung im Realitätsbezug in Folge einer psychischen Störung vielfach nicht der Fall ist oder nur beschränkt der Fall ist.

Eine Störung im Realitätsbezug kann also auf der Grundlage einer kognitiven Störung oder auf der Grundlage einer affektiven Störung oder auf der Grundlage einer gemischten Störung und schließlich in Folge einer sonstigen Ursache auftreten. Die psychische Funktion kann also in Folge einer qualitativen Störung im Denken auftreten, also in Folge der Störung der Bewertung, oder in Folge der Intensität, somit in Folge einer quantitativen Störung eintreten, die zu einer Verzerrung der Realitätswahrnehmung führt.

Erkenntnistheoretisch bzw. philosophisch betrachtet handelt es sich bei einer qualitativen Störung somit bei einer inhaltlichen Denkstörung um eine Störung, die zum Erkennen von falschen Ideen führt (vgl. mit Kant Zitat 7) – oder man kann auch sagen: es kommt zur falschen Assoziation. Wohingegen bei einer quantitativen Störung die Idee als solche zwar erkannt wird, aber einer Störung in der Bewertung des Ausmaßes vorliegt und es auf dieser Grundlage zur falschen Realitätswahrnehmung kommt. Es kann auf dieser Grundlage zu einer überwertigen Idee kommen, wie dies aus der Normalpsychologie bekannt ist (Beispiel „rosa-rote Brille“ bei Verliebtheit) bis hin zur wahnhaften Störung mit wahnhafter Gewissheit, wie dies unter Umständen bei einer schweren Depression (Beispiel Verarmungswahn) vorkommt oder wie dies in leichterer Ausprägung bei der negativistischen Sicht der Dinge generell zu beobachten ist. Oder es kann eine solche Störung in der Realitätswahrnehmung und damit im Realitätsbegzug bei sonstigen psychischen Störungen vorkommen, wie dies oben stehend bereits diskutiert worden ist.

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(letzte Änderung 28.9.2016, abgelegt unter philosophische Begriffe, Realitätswahrnehmung, Definition, Kognition, psychiatrischer Begriff, psychologischer Begriff)

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