Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Psychiatrie

Die Psychiatrie ist der Teil der Heilkunde der mit der Diagnostik, Therapie und Prophylaxe der psychischen Störungen befasst ist.

Es ist die Psychiatrie also mit den krankheitswertigen Störungen der Psyche befasst, wohingegen die Medizin mit den krankheitswertigen Störungen des Körpers befasst ist.

Weil die Diagnostik in der Psychiatrie auf den krankheitswertigen psychischen Phänomenen bzw. den psychopathologischen Phänomenen und deren Verlauf beruht, ist die psychiatrische Wissenschaft eine empirische Wissenschaft, die ihr Wissen auf Basis der Psychopathologie – oder man kann auch sagen auf Grundlage der Phänomenologie erlangt.

Man kann somit auch sagen, dass die Diagnostik, die Klassifikation und die Systematik in der Psychiatrie psychopathologisch begründet ist.

Der Begriff Psychiatrie – abgeleitet aus den Worten: Psyche (altgriechisch ψυχή, psychḗ, für ursprünglich „Atem, Hauch“, von ψύχω, „ich atme/hauche/blase/lebe“) und dem griechischen Wort (ἰατρός bzw. iātrós) Arzt, wurde ursprünglich vom Stadtphysikus Johann Christian Reil als Psychiaterie * geprägt, bald ging daraus jedoch das Wort Psychiatrie hervor.

In der Psychiatrie werden die unterschiedlichen psychischen Störungen also auf der Grundlage der krankheitswertigen psychischen Erscheinungen und deren Verlauf in der psychiatrischen Diagnostik durch die psychiatrischen Diagnosen erfasst.

Dabei sind die psychiatrischen Kategorien einer psychiatrischen Klassifikation in Bezug auf ihre Grenzen nach einer gewissen Ordnung definiert.

Wie an anderer Stelle aufgezeigt wird handelt es sich dabei um systematische Einheiten (im Sinne von Immanuel Kant), die unter sich (auf der Ebene der Ideen) innerhalb einer Klassifikation ein definiertes  System bilden.

Man kann daher sagen, dass die psychiatrische Systematik und damit die Psychiatrie als empirische Wissenschaft auf Ideen beruht – genau genommen beruht sie auf bloßen Ideen im Sinne von Immanuel Kant – die unter sich ein definiertes System bilden.

Dabei hat der französische Arzt Philippe Pinel  mit dem systematischen Studium der unterschiedlichen Formen des Wahnsinns (vgl. mit Pinel Zitat 2) begonnen und somit die Psychiatrie als empirische Wissenschaft begründet, obwohl der Begriff Psychiatrie damals noch gar nicht geprägt war.

Wie erst später der Psychiater und Philosoph Karl Jaspers auf der Grundlage der Philosophie von Immanuel Kant erkannt und in seinem Buch: Allgemeine Psychopathologie ab der 4. Auflage geschrieben hat, beruht die Psychiatrie als empirische Wissenschaft auf Ideen bzw. den Schemata der Ideen (vgl. mit Jaspers Zitat).

Es ist die Psychiatrische Wissenschaft also eine empirische Wissenschaft deren Systematik auf definierten Ideen beruht, die auf die auffälligen psychischen Erscheinungen angewandt werden.

Demgemäß werden die unterschiedlichen psychischen Störungen in der psychiatrischen Diagnostik auf der Grundlage von unterschiedlich definierten psychiatrischen Ideen durch die  Schemata der Ideen erkannt (vgl. mit Jaspers Zitat).

Man kann auch sagen: die unterschiedlichen psychischen Störungen werden durch die unterschiedlich definierten Typen (vgl. mit Jaspers Zitat) auf der Grundlage der angewandten psychiatrischen Klassifikation erkannt.

Dabei werden in der Psychiatrie von einem Psychiater oder einer Psychiaterin die unterschiedlichen psychiatrischen Ideen auf die psychischen Auffälligkeiten angewandt und es erkennt dabei die Fachperson auf der Grundlage ihrer klinischen Erfahrung und ihres fachlichen psychiatrischen Wissens durch ihre denkende Anschauung unter Führung von Ideen (vgl. mit Jaspers Zitat) die krankheitswertigen psychischen Erscheinungen durch die Begriffe der Ideen (vgl. mit Kant Zitat 7) durch das jeweilige Schema der Idee (vgl. mit Jaspers Zitat und mit Kant Zitat 7)

Demgemäß werden in der Psychiatrie die unterschiedlichen psychischen Störungen (psychischen Krankheiten) durch die krankheitswertigen psychischen Merkmale, nämlich durch die – psychischen Symptome und die krankheitswertigen psychischen Phänomene – die auch als psychopathologischen Phänomene bezeichnet werden – durch den psychischen Befund in der Diagnostik erhoben bzw. erkannt und dadurch die entsprechende psychiatrische Diagnose bestimmt.

Im Gegensatz dazu werden die gesundheitlichen Störungen des Körpers in der Medizin durch körperlichen Merkmale und somit durch den körperlichen Befund in der medizinischen Diagnostik durch die medizinischen Diagnosen erkannt und bestimmt.

Im Gegensatz zu den psychischen Störungen kann ein Teil der gesundheitlichen Störungen und der Krankheiten des Körpers in der Medizin auf der Grundlage von körperlichen Fakten, somit auf der Ebene der Objekte, erkannt und in der Diagnostik bestimmt werden, insofern man diese Fakten objektiv gültig erkennen und allgemein gültig bestimmen kann.

Dies ist in der Psychiatrie bei den psychischen Störungen grundsätzlich nicht möglich, weil man hier die psychischen Erscheinungen durch Ideen (vgl. mit Kant Zitat 7) nur subjektiv gültig erkennen kann. Mit anderen Worten: in der Psychiatrie können die psychischen Auffälligkeiten nur mit der Hilfe von psychiatrischen Konzepten – (vermittelt durch die Schemata der Ideen) erkannt und in der psychiatrischen Diagnostik bestimmt werden. Daher handelt sich beim psychiatrischen Wissen um ein ganz anderes Wissen als in der Medizin wo dieses auf der Grundlage von objektiven Befunden erlangt wird.

Der große Unterschied zwischen der Psychiatrie und einem Teilbereich der Medizin ergibt sich also dem großen Unterschied der Erkenntnisobjekte (vgl. mit Kant Zitat 7).

Es ist zwar so, dass man in der Psychiatrie gewisse psychische Störungen durch biologische Befunde erklären und dadurch physisch (biologisch) begründet verstehen kann. In der psychiatrischen Diagnostik bestimmen kann man sie durch biologische Befunde jedoch nicht.

Man kann daher auch sagen, dass sich die Psychiatrie von einem Teilbereich der Medizin bezüglich der Diagnostik grundsätzlich unterscheidet, wohingegen sie sich in der Therapie und im Hinblick auf die Prävention nur zum Teil von der Medizin unterscheidet.

Der große Unterschied zwischen den Merkmalen der gesundheitlichen Störungen und daher der große Unterschied zwischen den Diagnosen bestimmt also den großen Unterschied zwischen der Psychiatrie und der Medizin.

Es resultiert also aus diesem großen Unterschied in der Erkenntnisbasis (vgl. mit Kant Zitat 7) der große Unterschied zwischen den objektiv bestimmbaren medizinischen Diagnosen und den psychiatrischen Diagnosen, die sämtliche phänomenologische Diagnosen und als solche nur subjektiv gültig bestimmbar sind.

Der Unterschied in der Basis des Wissens ist also der tiefer Grund warum die psychischen Störungen und damit die psychiatrischen Diagnosen nur subjektiv gültig erkannt werden können. Dies bedeutet, dass in Bezug auf die psychischen Phänomene generell und somit auch in Bezug auf die psychiatrischen Diagnosen nur subjektive Evidenz erlangt werden kann, wogegen in einem Teilbereich der Medizin in Bezug auf gewisse körperliche Störungen (Krankheiten) objektive Evidenz erlangt wird. Dieser Sachverhalt ist insbesondere für die Forensische Psychiatrie von Relevanz.

Medizinhistorisch betrachtet entstand das Wissen in der Psychiatrie im Sinne der psychiatrischen Wissenschaft als der Arzt Philippe Pinel begonnen hatte den Wahnsinn systematisch zu studieren (vgl. mit Pinel Zitat 2).

Damit nahm die „Psych-iaterie“ – ihren Anfang, wie dies der Stadtphysikus John Christian Reil einige Zeit später erkannt und daher diesen Begriff definiert hat.

Aus dem Begriff „Psych-iaterie“ ging alsbald der Begriff „Psychiatrie“ hervor.

(griechisch: ἰατρός iatrós – Arzt; ψυχὴ Psyche – Seele im psychologischen Sinn)

Wie man sich überzeugt gründet sich das psychiatrische Wissen auf die psychische Anomalie wie dies Wilhelm Griesinger in seinem Buch:“Pathologie und Therapie der Psychischen Krankheiten” geschrieben hat (vgl. mit Griesinger Zitat). Und es werden dabei die psychischen Störungen unter der Führung von Ideen durch die denkende Anschauung erkannt, wie dies Karl Jaspers in seinem Buch „Allgemeine Psychopathologie“ geschrieben hat (vgl. mit Jaspers Zitat).

Die Psychiatrie ist in diesem Sinne eine empirische Wissenschaft, die auf der Grundlage der klinischen Erfahrung und der psychiatrischen Ideen entstanden ist, in dem in der Praxis diese Ideen auf die krankheitswertigen psychischen Auffälligkeiten projiziert werden und eine Fachperson in der Psychiatrie – also ein Psychiater / eine Psychiaterin auf dieser Grundlage den krankheitswertigen psychischen Symptomenkomplex erkennt. Diese diagnostischen Einheiten können sodann in der psychiatrischen Wissenschaft systematisch studiert werden.

Es gründet sich die Struktur der Psychiatrie somit auf Ideen, wohingegen in der Medizin in einem Teilbereich die Struktur auf Fakten aufgebaut ist, wie man diese in der physis (= Natur) infolge der körperlichen physischen Befunde (in der Anatomie, Histologie, Biochemie, Physiologie, Pathologie) gefunden bzw. entdeckt hat.

Man erkennt damit, dass die psychiatrische Diagnostik  und somit die psychiatrische Klassifikation und auch die psychiatrische Systematik der unterschiedlichen psychischen Störungen, wie sie zum Beispiel in Psychiatrischen ICD-10 Klassifikation oder in der DSM-V Klassifikation erkennbar ist, auf der Phänomenologie bzw. auf der Psychopathologie beruht.

Es haben also Wilhelm Griesinger (vgl. mit Griesinger Zitat) und Emil Kraepelin (vgl. mit Kraepelin Zitat 1) die Möglichkeit in der psychiatrischen Diagnostik überschätzt als sie geglaubt haben, dass in Zukunft gewisse psychische Krankheiten durch körperliche Merkmale bestimmbar sind. Hingegen hat Karl Jaspers durch die Philosophie von Immanuel Kant den Sachverhalt richtig erkannt – wenn er in seinem Buch: „Allgemeine Psychopathologie“ schreibt, dass die Idee der Krankheitseinheit sich in irgendeinem einzelnen Fall niemals verwirklichen lässt (vgl. mit Jaspers Zitat 6).

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Hinweis:

Weiteres zur Psychiatrie als Wissenschaft, die auf die psychischen Erscheinungen der psychischen Störungen gegründet ist in meinem Buch:

Diagnostik, Klassifikation und Systematik in Psychiatrie und Medizin

erschienen im April 2019 im Verlag tredition

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(letzte Änderung 30.08.2019, abgelegt unter: Definition, Diagnostik, Psyche, Psychiatrie, psychiatrische Wissenschaft)

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